15.06.2026 Deutsch-italienischer Dialog eröffnet neue Perspektiven auf den „Heliand“

Internationale Tagung stärkt Zusammenarbeit in der Frühmittelalterforschung

Foto der Villa Vigoni am Comer See
Foto: Nathanael Busch
Die Villa Vigoni mit Blick auf den Comer See: Die deutsche, italienische und europäische Flagge stehen symbolisch für den internationalen Austausch der Tagung.

Wie lässt sich eines der rätselhaftesten Werke des frühen Mittelalters heute neu lesen? Dieser Frage widmete sich eine internationale Tagung zum altsächsischen Bibelepos „Heliand“, an der auch Forscher*innen vom Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters der Philipps-Universität Marburg beteiligt waren. Die Veranstaltung brachte erstmals nahezu alle derzeit zentral zum ‚Heliand‘ forschenden deutsch- und italienischsprachigen Wissenschaftler*innen zusammen und setzte damit ein Zeichen für die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Italien in der Frühmittelalterforschung. Ziel war es, im Austausch beider Forschungstraditionen neue Zugänge zu einem Werk zu entwickeln, das trotz seiner herausragenden Bedeutung bis heute viele Interpretationsfragen offenlässt.

Ein Schlüsseltext des Mittelalters

Der „Heliand“, eine altsächsische Erzählung vom Leben Jesu aus der Karolingerzeit, zählt zu den frühesten deutschsprachigen Texten überhaupt und gilt als die umfangreichste Stabreimdichtung des frühen Mittelalters. Das Werk verbindet christlich-lateinische Traditionen mit sprachlichen und poetischen Formen des kontinentalen Nordens. Zugleich stellt es die Forschung bis heute vor Herausforderungen: Sprache, Stil und Struktur gelten als sehr komplex, viele Deutungen hängen stark von den jeweiligen Forschungstraditionen ab.

Gemeinsame Lektüre statt klassischer Vorträge

Gruppenfoto der Teilnehmenden
Foto: Nathanael Busch
Die Teilnehmer*innen der internationalen „Heliand“-Tagung in der Villa Vigoni in Italien.

„Das besondere Format der Tagung hat einen außergewöhnlich intensiven wissenschaftlichen Austausch ermöglicht“, erklärt Prof. Dr. Nathanael Busch, der die Tagung gemeinsam mit seiner italienischen Kollegin Prof. Chiara Staiti organisierte. Statt klassischer Vorträge standen gemeinsame Close-Reading-Sitzungen im Mittelpunkt, in denen die Teilnehmenden ausgewählte Passagen des „Heliand“ gemeinsam analysierten. „Der konsequente Fokus auf den Text selbst hat eine offene Diskussionsatmosphäre geschaffen, in der unterschiedliche Perspektiven produktiv zusammengeführt werden konnten.“

Besonders bereichernd sei dabei der deutsch-italienische Dialog gewesen: Während italienische Forscher*innen verstärkt exegetische und stilistische Fragestellungen einbrachten, hätten deutsche Beiträge unter anderem metrische Aspekte sowie den historischen Entstehungskontext der Dichtung hervorgehoben. „Gerade diese unterschiedlichen wissenschaftlichen Traditionen haben neue Zugänge zum Text eröffnet“, sagt Busch.

Neue Perspektiven auf Sprache, Bilder und Interpretation

Foto der Villa Vigoni von vorne
Foto: Nathanael Busch
Die Villa Vigoni am Comer See war Veranstaltungsort der deutsch-italienischen Tagung zum „Heliand“.

Im Zentrum der gemeinsamen Lektüre standen sechs Kapitel aus dem Mittelteil des „Heliand“, die sich mit den Wundern und der Lehre Jesu beschäftigen. Wiederholt diskutiert wurde dabei das Verhältnis von Wort und Bild: Der Dichter entwickelt auf Grundlage der patristischen und karolingischen Bibelexegese eine eigenständige Deutung biblischer Gleichnisse und Bildwelten. Die Diskussionen zeigten, dass der Text eine komplexe Ethik des „tätigen Verstehens“ entfaltet, die vom Bild über das Wort zur Handlung führt.

Darüber hinaus wurden zahlreiche weitere Themenfelder neu vermessen: das Verhältnis zu den lateinischen Vorlagen, narratologische und strukturanalytische Fragen, die Metrik des Textes, semantische und stilistische Besonderheiten sowie Unterschiede in der deutschen und italienischen Forschungsgeschichte. Besonders deutlich wurde dabei, wie stark der „Heliand“ von interpretativer Offenheit geprägt ist. Viele Schwierigkeiten des Textes liegen weniger in der Grammatik oder Syntax als vielmehr in der poetischen Mehrdeutigkeit und den voraussetzungsreichen editorischen und interpretatorischen Entscheidungen.

Ein zentrales Ergebnis der Tagung bestand daher in der gemeinsamen Ablehnung älterer Deutungsmuster, die den „Heliand“ als Ausdruck einer vermeintlich „germanischen“ Kultur interpretierten. Die Teilnehmer*innen betonten stattdessen die Vielschichtigkeit des Bibelepos und wandten sich ausdrücklich gegen identitätspolitische Vereinnahmungen des Textes in populärkulturellen oder außerakademischen Kontexten.

Ausbau des deutsch-italienischen Forschungsnetzwerks

Neben den inhaltlichen Ergebnissen entstand durch die Tagung zugleich ein neues deutsch-italienisches Forschungsnetzwerk zur Frühmittelalterforschung. Bereits im Nachgang der Veranstaltung werden gemeinsame Publikationen, Kooperationen und weitere Projektanträge vorbereitet. Besonders großes Interesse gilt künftig den lateinisch-gelehrten Kontexten des „Heliand“ sowie den während der Tagung erprobten Formen gemeinsamer Interpretationspraxis.

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